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Meinungsbildung und Meinungsmacht in dissonanten Öffentlichkeiten

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Call for Abstracts

 

Meinungsbildung und Meinungsmacht
in dissonanten Öffentlichkeiten

 

Gemeinsame Jahrestagung 2021 der Fachgruppe „Kommunikation und Politik“

der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK),

des Arbeitskreises „Politik und Kommunikation“ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) und der Fachgruppe „Politische Kommunikation“ der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM).

 

 

Termin: 12.2.2021

Ort: Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft,

Hardenbergstraße 32, 10623 Berlin

 

 

COVID19: Die Planung von Tagungen ist unter den gegebenen Umständen schwierig. Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass sich die pandemiebedingten Beschränkungen bis Februar 2021 maßgeblich lockern werden. Daher planen wir ein hybrides Veranstaltungsformat: Ein Teil der Vorträge wird unter Beachtung der geltenden Hygienevorschriften vor Ort stattfinden und als Online-Stream live gesendet werden. Um die Zahl der anwesenden Teilnehmer:innen zu beschränken, aber möglichst vielen Vortragenden ein Auditorium zu bieten, wird ein weiterer Teil der Vorträge als Videoaufzeichnung verfügbar gemacht werden. Wir gehen davon aus und haben Verständnis, dass nicht alle Teilnehmer:innen nach Berlin anreisen können oder wollen. Bitte geben Sie bei der Einreichung jeweils Ihre Präferenz an: Vor-Ort Präsentation in Berlin oder Videoaufzeichnung.

 

 

 

Die Prozesse und Bedingungen von Meinungsbildung sind ein Kernbereich der Analyse politischer Kommunikation und der Demokratieforschung. Bereits die Metapher des „marketplace of ideas“ im politischen Liberalismus und das Ideal der griechischen Agora illustrieren die herausragende Bedeutung, die dem freien Austausuch von Ideen und Ansichten als Bestandteil demokratischer Herrschaft innewohnt. Dies spiegelt sich auch in anspruchsvolleren Konzepten von Öffentlichkeit wider, wenn etwa deliberative Verfahren auf die zwanglose Überzeugungskraft des besseren Arguments bauen oder agonistische Ansätze die gegenseitige Anerkennung abweichender Meinungen in Konflikten postulieren. Man kann Demokratie als ein komplexes Institutionengefüge (oder System) zur Aggregation von Meinungen und die Überführung von Vielfalt und Dissens in politische Entscheidungen verstehen.

 

Die Prozesse der Meinungsbildung sind auf allen Ebenen komplex und volatil – von der individuellen Meinungsbildung (z.B. Wahlentscheidungen) über Meinungsbildung in Organisationen (z.B. Parteiprogramme) bis zur Abbildung von öffentlicher Meinung durch Umfragen (z.B. Sonntagsfrage). Die Transformation digitaler Öffentlichkeiten hat diese Komplexität noch einmal drastisch erhöht. Neue Akteure, Kanäle, Strategien und Dynamiken führen zu partizipativen und algorithmisch beeinflussten Formen von Meinungsbildung, stellen die Meinungsmacht traditioneller Akteure in Frage (Journalismus) und bilden neue Zentren von Meinungsmacht (Plattformen). Meinungsmacht verlagert sich von den professionell-publizistischen Anbietern vor allem zu Intermediären und nicht-publizistischen Anbietern mit politischer Relevanz.

 

Die für demokratische Herrschaftsformen zentralen Prozesse der Meinungsbildung und der Kampf um Deutungsmacht vollziehen sich in zunehmend dissonanten Öffentlichkeiten, was bedeutet, dass es immer schwieriger wird, kohärente öffentliche Debatten zu führen und eine politische Agenda zu finden. Öffentliche Debatten werden nicht nur weniger von etablierten Akteuren im Journalismus, in politischen Organisationen oder der Zivilgesellschaft mit rational zugänglichen Argumenten angeregt und geführt, sondern sie sind zunehmend geprägt von ideologischer Polarisierung, strategischer Desinformation, Verschwörungslegenden, Hass und damit der generellen Unfähigkeit, Konflikte diskursiv zu bearbeiten. Sinkendes Vertrauen in Medien, Parteien und staatliche Institutionen flankiert den drohenden Verlust autoritativer Information und einer geteilten Realitätswahrnehmung.

 

Vor diesem Hintergrund wird auch der Begriff der „Meinung“ selbst ideologisch aufgeladen und konzeptionell umgedeutet, etwa wenn die Grenze zwischen Meinungen und Fakten verschwimmt, vermeintliche Meinungsverbote oder „Meinungskorridore“ behauptet werden oder das Recht auf Meinungsfreiheit zum Recht auf Widerspruchsfreiheit umgedeutet wird. Der starke Zulauf, den Verschwörungserzählungen etwa im Kontext der Covid19-Pandemie oder der QAnon-Legende derzeit in Deutschland erfahren, illustrieren aktuell die Disruptionen von Meinungsbildung und Meinungsmacht.

 

Wir bitten um Einreichungen zu vier inhaltlichen Schwerpunkten und einem offenen Panel. Die Fragen zu den Schwerpunkten sind exemplarisch – sie illustrieren mögliche Themen, die in den Einreichungen theoretisch und/oder empirisch bearbeitet werden.

 

Schwerpunkt 1: Meinungsbildung und Meinungsmacht – Theoretische Betrachtungen aus Kommunikations- und Politikwissenschaft

Revisiting the classics: Wie verändern sich Gatekeepting und Agenda-Setting? Was bedeutet „Meinungsführerschaft“ unter digitalen Bedingungen und wer sind die neuen Meinungsführer? Was ist überhaupt eine „Meinung“? Wie lassen sich polarisierte/dissonante Meinungsbildungsprozesse angemessen institutionell abbilden und repräsentieren?

 

Schwerpunkt 2: Meinungsbildung in dissonanten Öffentlichkeiten – Empirische Studien aus Kommunikations- und Politikwissenschaft

Welche (neuen) Akteure, Strukturen und Prozesse prägen Meinungsbildungsprozesse in dissonanten Öffentlichkeiten? Wie verändern sich Wahlkämpfe und politische Kampagnen in dissonanten Öffentlichkeiten? Welche (neuen) Dynamiken lassen sich auf individueller, organisatorischer und/der gesellschaftlicher Ebene von Meinungsbildung beobachten? Gibt es neue Erkenntnisse zur Rolle von Medienwirkung und Rezeption auf Meinungsbildung, z.B. im Kontext von Filterblasen oder Echokammern?

 

Schwerpunkt 3: Meinungsmacht in dissonanten Öffentlichkeiten – Empirische Studien aus Kommunikations- und Politikwissenschaft

Welche Rolle spielt Journalismus noch für die Meinungsbildung? Haben Influencer Meinungsmacht? Aus welchen Ressourcen speist sich Meinungsmacht unter digitalen Bedingungen? Welche Erscheinungsformen hat Macht in diesem Kontext? Wie verteilt sich die Meinungsmacht neu? Wie kann Meinungsmacht reguliert werden? Wie können Gegengewichte zur Dominanz von GAFA geschaffen werden?

 

Schwerpunkt 4: Methodologische Herausforderungen

Wie lassen sich Meinungsbildung und Meinungsmacht unter digitalen Bedingungen abbilden und messen? Wie beeinflussen der Zugang zu Daten und die Datenqualität die Analyse von partizipativer und algorithmischer Meinungsbildung und Meinungsmacht? Wo liegen Vor- und Nachteile innovativer neuer Forschungsmethoden zur Analyse von Meinungsbildung (z.B. Verknüpfung von Social-Media Daten und Befragungsdaten, Datenspenden etc.)?

 

Offenes Panel

Innovative Beiträge aus dem Bereich der Politischen Kommunikation oder Kommunikations-politik abseits des Tagungsthemas können ebenfalls eingereicht werden. Die eingereichten Beiträge sollten sich durch eine besondere Relevanz oder einen speziellen Neuigkeitswert für die Forschung zur Politischen Kommunikation oder Kommunikationspolitik auszeichnen. Vorschläge für das offene Panel müssen speziell gekennzeichnet sein und werden gesondert begutachtet.

 

Einreichung der Beiträge

Vortragsvorschläge (für ca. 15-20 Minuten Präsentation) sind als aussagekräftige Extended Abstracts (800 bis 1.000 Wörter exklusive Literaturverzeichnis, Tabellen, Abbildungen und Titelblatt) mit Angabe des Schwerpunkts oder „Offenes Panel“ einzureichen. Abgabetermin für die Einreichung von Abstracts ist der 15. November 2020. Die Einreichung umfasst dabei zwei separate Dateien: Abstract und Titelblatt. Bitte senden Sie Ihr Abstract als Word-Datei (*.docx) an folgende Email-Adresse: ulrike.klinger@fu-berlin.de

 

Der Beitrag darf in dieser Form nicht bereits publiziert oder auf einer wissenschaftlichen Tagung präsentiert worden sein. Dieser Sachverhalt ist im eingereichten Textdokument ausdrücklich zu erklären. Für empirische Beiträge ist zu beachten, dass diese bereits eine Dokumentation der Ergebnisse und eine darauf basierende Diskussion im Abstract enthalten. Empirische Einreichungen, die lediglich eine Vorausschau auf erwartete, aber noch nicht vorliegende Befunde enthalten, werden nicht in den Begutachtungsprozess einbezogen.

 

Angaben, die zu einer Identifizierung der Autorin/des Autors im Textdokument oder den Meta-Daten führen könnten, sind zu entfernen. Das dient der anonymisierten Begutachtung Ihrer Einreichung. Die Vorschläge werden per Double Blind Peer Review begutachtet. Für die Auswahl der Beiträge gelten die in der DVPW und DGPuK üblichen Kriterien: Bezug zum Tagungsthema, Güte der theoretischen Fundierung, Relevanz der Fragestellung, Relevanz der Ergebnisse, Angemessenheit der Vorgehensweise sowie Klarheit und Prägnanz der Darstellung.

 

Auswahl der Vorträge

Die Ergebnisse des Begutachtungsverfahrens werden Anfang Januar 2021 bekannt gegeben. Die Tagungsorganisatoren behalten sich vor, bei der Auswahl der Beiträge auch die Gesamtkonzeption der Tagung zu berücksichtigen.

 

Lokale Organisation

Prof. Dr. Ulrike Klinger                        ulrike.klinger@fu-berlin.de

Prof. Dr. Christoph Neuberger            christoph.neuberger@fu-berlin.de

Dr. Thorsten Thiel                               thorsten.thiel@wzb.eu

 

Tagungswebsite:                                 www.polkomm2021.de

 

Kontakte

FG Kommunikation und Politik (DGPuK)

Dr. Jörg Haßler                                   joerg.hassler@ifkw.lmu.de

Dr. Franziska Oehmer                        franziska.oehmer@foeg.uzh.ch

 

AK Politik und Kommunikation (DVPW)

Dr. Isabelle Borucki                            isabelle.borucki@uni-due.de

Dr. Marcel Lewandowsky                   lewandowsky@hsu-hh.de

 

FG Politische Kommunikation (SGKM)

Dr. Dorothee Arlt                                dorothee.arlt@ikmb.unibe.ch

Dr. Patrik Ettinger                               patrik.ettinger@foeg.uzh.ch

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